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Ausgabe 4

Bundesfernstraßen Digital - Das Magazin

Ausgabe 4 – November 2026


Editorial

Digitale Methoden für eine nachhaltige Verbesserung und Erneuerung der Infrastruktur

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Erwartung der Menschen an die Verkehrspolitik ist klar: Mobilität in Deutschland muss funktionieren. Dafür brauchen wir eine verlässliche und leistungsfähige Infrastruktur – jeden Tag und bei jedem Wetter.

Die Bundesregierung stellt Milliardenbeträge in Rekordhöhe bereit, um unsere Verkehrswege zu modernisieren und zu erhalten. Doch Geld allein saniert noch keine Brücke und erneuert keine Strecke. Entscheidend ist, dass die verfügbaren Mittel schnell und effizient umgesetzt werden und für Menschen und Wirtschaft spürbare Verbesserungen bewirken. Die Digitalisierung kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Beim Einsatz der BIM-Methode sind wir in den vergangenen Jahren ein großes Stück vorangekommen. Jetzt gilt es, auf dem Erreichten aufzubauen: BIM muss flächendeckend im Regelprozess der Planung angewendet werden und zunehmend auch auf der Baustelle und im Betrieb seine Wirkung entfalten.

Beim Digitalen Zwilling sind wir in der Aufbauphase. Mit dem Masterplan Digitaler Zwilling Bundesfernstraßen werden derzeit wichtige Grundlagen erarbeitet, um konkrete Anwendungen in Pilotprojekten und Testfeldern erproben zu können. Damit gehen wir wichtige Schritte hin zu einer stärker datenbasierten Infrastrukturplanung und dem datengestützten Betrieb – und das ist auch dringend nötig.

Denn das Bundesfernstraßennetz ist eine zentrale Grundlage für Wohlstand, Mobilität und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Mit dem konsequenten Einsatz digitaler Methoden können wir seine Leistungsfähigkeit nachhaltig sichern, Bauwerke vorausschauend erhalten und Infrastrukturprojekte effizienter realisieren. Gleichzeitig schaffen wir die Grundlage für ein datenbasiertes Infrastrukturmanagement, das den gesamten Lebenszyklus von Straßen und Bauwerken begleitet und ihre langfristige Verfügbarkeit unterstützt.

Dann kann die Digitalisierung einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, unsere Infrastruktur leistungsfähiger, resilienter und zukunftsfest zu machen. So sorgen wir dafür, dass Menschen und Güter auch künftig verlässlich ans Ziel kommen und Deutschland wirtschaftlich wie technologisch wettbewerbsfähig bleibt.

Dafür braucht es Menschen, die die Digitalisierung nicht nur planen, sondern sie gemeinsam in die Praxis bringen. Die Community von Bundesfernstraßen Digital leistet hierzu einen wichtigen Beitrag. Ich danke Ihnen für Ihr Engagement und dafür, dass Sie über Organisations- und Fachgrenzen hinweg daran arbeiten, die digitale und die reale Zukunft unserer Bundesfernstraßen voranzutreiben.

Ihr

Steffen Bilger
Bundesminister für Verkehr

Feedback zur vierten Ausgabe des Newsletters sowie Vorschläge für weitere Beiträgen nehmen wir gerne entgegen unter: newsletter(at)bundesfernstrassen-digital.de


Fortschritt und Fakten

Digitale Erhaltung skalieren: Das Testfeld Digitaler Zwilling Haupthafenroute als Reallabor für die Verkehrsinfrastruktur

Gastbeitrag von Niklas Schwarz, BIM.Hamburg

Der „Digitale Zwilling Haupthafenroute“ und der „Digitale Zwilling Nibelungenbrücke“ sind zwei vom Bundesministerium für Verkehr initiierte Vorhaben zur Weiterentwicklung Digitaler Zwillinge für die Verkehrsinfrastruktur. Beide Projekte verfolgen unterschiedliche, sich ergänzende Zielsetzungen und leisten gemeinsam einen Beitrag zur Entwicklung eines digitalen Erhaltungsmanagements. 

Während die Nibelungenbrücke als Pilotprojekt die Nutzungsdauerverlängerung eines einzelnen Ingenieurbauwerks untersucht und hierfür umfangreiche Zustands-, Monitoring- und Tragwerksinformationen in einem Digitalen Zwilling zusammenführt, liegt der Schwerpunkt des Testfelds Digitaler Zwilling Haupthafenroute auf der Skalierung des Ansatzes auf mehrere Bauwerke und unterschiedliche Infrastrukturarten. 

Im Rahmen des von BIM.Hamburg umgesetzten Testfelds werden derzeit die Köhlbrandbrücke, die Freihafenelbbrücke, die Veddelkanalbrücke sowie ein Straßenabschnitt am Veddeler Damm als Digitale Zwillinge aufgebaut und in einem gemeinsamen System zusammengeführt. Ziel ist die Entwicklung einer Plattform, die unterschiedliche Infrastrukturassets – also physische Infrastrukturobjekte wie Brücken, Straßen und weitere Ingenieurbauwerke – sowie verschiedene Datenquellen und Fachprozesse in einer gemeinsamen Arbeitsumgebung integriert.

Aufbauend auf den Erfahrungen aus dem Projekt smartBRIDGE Hamburg wird damit erstmals nicht mehr nur ein einzelnes Bauwerk betrachtet. Stattdessen entsteht ein Digitaler Zwilling für ein zusammenhängendes Infrastruktursystem. Hierfür werden BIM-Modelle, Informationen aus Bauwerksprüfung, Monitoring, Diagnostik sowie weitere Bestands- und Betriebsdaten miteinander verknüpft. So entsteht eine assetübergreifende Sicht auf Zustand, Zusammenhänge und Erhaltungsbedarfe der Infrastruktur. 

Ein zentrales Ziel des Testfelds besteht darin, die Erstellung und den Betrieb Digitaler Zwillinge zu vereinfachen. Dafür wird eine Softwarelösung entwickelt, die Digitale Zwillinge auf Grundlage vorhandener BIM-Modelle initialisiert und standardisierte Schnittstellen zu Monitoring-, Bauwerksprüfungs- und weiteren Fachsystemen bereitstellt. Auf diese Weise sollen Digitale Zwillinge künftig mit deutlich geringerem Aufwand aufgebaut und betrieben werden können. 

Bereits heute können Brückenbauwerke auf Basis von IFC-Modellen in der Plattform angelegt werden. Darüber hinaus wurden Schnittstellen zur Integration von Monitoringdaten und digitalen Bauwerksprüfungen umgesetzt. Zustandsinformationen verschiedener Fachsysteme können dadurch in einer gemeinsamen Arbeitsumgebung zusammengeführt und für Betrieb und Erhaltung nutzbar gemacht werden. 

Aktuell wird das Testfeld durch die Teilprojekte „Digitaler Zwilling Kaimauer“ und „Niedrigaufwand Digitaler Zwilling“ erweitert. Damit werden sowohl weitere Assetklassen integriert als auch Verfahren entwickelt, die den Aufbau und Betrieb Digitaler Zwillinge künftig weiter standardisieren und automatisieren sollen. 

Mit seinem Fokus auf Skalierung, Standardisierung und die Vernetzung verschiedener Assetklassen liefert der Digitale Zwilling Haupthafenroute wichtige Erkenntnisse für die Weiterentwicklung Digitaler Zwillinge im Bundesfernstraßennetz. Das Testfeld zeigt, wie Brücken, Straßen und künftig auch Kaimauern in einer gemeinsamen digitalen Umgebung zusammengeführt und für ein datenbasiertes Erhaltungsmanagement nutzbar gemacht werden können. 

Weitere Informationen zum Digitalen Zwilling Haupthafenroute finden Sie in der Erlebniswelt „Digitaler Zwilling Haupthafenroute”. Dort wird ab 2027 ergänzend zu den bereits bestehenden Informationen ein Testaccount des Digitalen Zwillings Haupthafenroute bereitgestellt. 

Zur Erlebniswelt Digitaler Zwilling Haupthafenroute. 


Reviewphase zum Masterplan Digitaler Zwilling Bundesfernstraßen erfolgreich abgeschlossen

Gastbeitrag der Erstellergruppe Masterplan Digitaler Zwilling Bundesfernstraßen

Die Erstellung des Masterplans Digitaler Zwilling Bundesfernstraßen hat einen weiteren wichtigen Meilenstein erreicht: Die Reviewphase zum Entwurf ist abgeschlossen und die Rückmeldungen der Fachcommunity liegen vor.

Von Anfang August bis Mitte September 2026 hatten Vertreterinnen und Vertreter der Fachcommunity den von der Erstellergruppe erarbeiteten Entwurf geprüft. Insgesamt gingen Rückmeldungen von 30 der 44 angeschriebenen Institutionen ein – mit insgesamt fast 800 Kommentaren. 

Die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt) hat die Hinweise bis Ende September ausgewertet, überarbeitet und mit ihrer Empfehlung zur Umsetzung an die Lenkungsgruppe im Bundesministerium für Verkehr (BMV) übermittelt.

Die Grundstimmung der Rückmeldungen fiel überwiegend positiv aus: Die Zielrichtung des Masterplans wurde durchgängig begrüßt und als sinnvoller strategischer Orientierungsrahmen bewertet. Darüber hinaus flossen zahlreiche konstruktive Hinweise ein, die zur Konkretisierung und Schärfung des Dokuments beitragen. Nicht jeder Hinweis kann dabei im Detail umgesetzt werden – die Vielzahl und Qualität der Rückmeldungen zeigt jedoch eindrucksvoll, wie groß das Interesse am Thema ist und welche Bedeutung dem Masterplan für die Bundesfernstraßen beigemessen wird.

Die finalen Abstimmungen laufen – Ende Oktober 2026 wurden die Arbeiten der Projektgruppe abgeschlossen und der Entwurf des Masterplans zur finalen Prüfung vor Veröffentlichung an das BMV übermittelt. Die Veröffentlichung ist im Frühjahr 2027 geplant.

Die Erstellergruppe des Masterplans Digitaler Zwilling Bundesfernstraßen dankt allen Institutionen und Fachleuten, die den Entwurf geprüft und mit ihren Rückmeldungen bereichert haben.

Weitere Informationen finden Sie auf unserer Webseite:

Masterplan Digitaler Zwilling Bundesfernstraßen


Praxis und Anwendung

4. BIM-Tag Hamburg 2026: „BIM in Aktion – Praxis erleben, Zukunft gestalten“

Ein Gastbeitrag von Ann-Sophie Nolting, BIM.Hamburg

Mit rund 250 Teilnehmenden war der 4. BIM-Tag Hamburg am 1. Oktober 2026 an der HafenCity Universität Hamburg ausgebucht. Unter dem Motto „BIM in Aktion – Praxis erleben, Zukunft gestalten“ drehte sich alles um aktuelle Entwicklungen bei Building Information Modeling (BIM), Digitalen Zwillingen und Künstlicher Intelligenz sowie um die digitale Transformation des Planens, Bauens und Betreibens.

Gemeinsam mit dem BIM HUB Hamburg hatte BIM.Hamburg ein ganztägiges Programm zusammengestellt, das strategische Perspektiven mit Erfahrungen aus der Praxis sowie nationalen und internationalen Entwicklungen verband.

Strategische Perspektiven und aktuelle Entwicklungen

Den Auftakt bildete ein Panel zu den strategischen Rahmenbedingungen der digitalen Transformation im öffentlichen Bauwesen. Kirsten Pfaue von der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende der Freien und Hansestadt Hamburg erläuterte die Rolle von BIM bei der Umsetzung der Senatsdrucksache zur Zukunft des Tiefbaus. Dabei betonte sie die Bedeutung digitaler Methoden für effizientere und schnellere Bauprozesse.

Einen Blick auf künftige Entwicklungen warf Felix Scholz, Programmleiter BIM.Hamburg von der Hamburg Port Authority. Er beleuchtete die Weiterentwicklung von BIM hin zu Digitalen Zwillingen und die wachsende Bedeutung KI-gestützter Anwendungen und der Robotik. Christian Esch vom BIM HUB Hamburg knüpfte daran an: Er blickte auf zehn Jahre Netzwerk- und Branchenarbeit zurück und skizzierte künftige Entwicklungsschwerpunkte.

BIM in der Praxis: Einblicke aus den Leitstellen 

Im zweiten Panel stand die praktische Anwendung von BIM in den verschiedenen Leitstellen von BIM.Hamburg im Mittelpunkt. Vertreterinnen und Vertreter der Leitstellen stellten konkrete Anwendungsfälle aus ihren jeweiligen Fachbereichen vor. Die Beiträge der BIM-Leitstellen Tiefbau (LSBG), Vermessung, Daten & Grundlagen (LGV) sowie Hafenbau und Projektmanagement (HPA) verdeutlichten, wie BIM bereits heute zur Standardisierung von Prozessen, zur Verbesserung der Datengrundlagen sowie bei der Erhaltung und beim Betrieb von Infrastrukturen eingesetzt wird.

Besonders großen Zuspruch fanden die acht anschließenden Anwenderforen im Foyer des Auditoriums. Hier konnten die Teilnehmenden digitale Anwendungen aus dem Bauwesen unmittelbar kennenlernen und mit den Expertinnen und Experten der BIM.Hamburg-Leitstellen sowie des BIM HUB Hamburg ins Gespräch kommen.

Vorgestellt wurden unter anderem aktuelle Standardisierungsprojekte von BIM.Hamburg, darunter Objektkataloge, Anwendungsfälle und Rahmendokumente. Darüber hinaus erhielten die Besucherinnen und Besucher Einblicke in die praktische Umsetzung der BIM-Methode im Hamburger Tiefbau.

Weitere Themen waren der Einsatz von BIM und Digitalen Zwillingen für Hafeninfrastrukturen wie Kaimauern, Straßen, Brücken und Schleusen sowie die Verknüpfung von BIM- und GIS-Daten, die neue Möglichkeiten für die Analyse und Planung urbaner Räume eröffnet. Auf besonderes Interesse stieß eine Virtual-Reality-Anwendung, mit der sich die zukünftigen Haltestellen der Hamburger U-Bahn-Linie U5 virtuell erkunden ließen.

Das Angebot umfasste außerdem Forschungsprojekte zu Digitalen Zwillingen und zirkulärem Bauen sowie Praxisberichte zu konkreten BIM-Anwendungsfällen. Auch die Arbeitskreise des BIM HUB Hamburg boten Gelegenheit zum fachlichen Austausch.

Die Anwenderforen verdeutlichten damit nicht nur die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten digitaler Methoden, sondern auch die Bedeutung des direkten Austauschs zwischen öffentlicher Verwaltung, Wissenschaft und Praxis.

Internationale Einblicke: Erfahrungen aus Zürich und Wien

Zum Abschluss richtete sich der Blick über Hamburg und Deutschland hinaus. Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Zürich stellten die dort entwickelte BIM Suite vor, die modellbasierte Auswertungen und Dashboards über den gesamten Lebenszyklus von Bauwerken ermöglicht.

Aus Wien erhielten die Teilnehmenden Einblicke in das modellbasierte Baugenehmigungsverfahren sowie das Programm „openBIM4Wien“.

Beide Beiträge machten deutlich, dass Kommunen und Infrastrukturbetreiber europaweit vor ähnlichen Herausforderungen stehen und von gemeinsamen Standards und dem gegenseitigen Erfahrungsaustausch profitieren können.

Fazit: BIM als Grundlage für die digitale Transformation

Der 4. BIM-Tag Hamburg zeigte eindrucksvoll, dass BIM längst mehr ist als eine digitale Planungsmethode. Digitale Zwillinge, datengetriebene Infrastruktur, KI-Anwendungen und nachhaltiges Bauen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Zugleich wurde deutlich, wie wichtig gemeinsame Standards, praxistaugliche Lösungen und der Austausch über Organisations- und Ländergrenzen hinweg sind. 

Mit seiner Kombination aus Fachvorträgen, Praxisdemonstrationen und persönlichen Gesprächen bot der BIM-Tag ein wichtiges Forum für den Wissenstransfer im Bau- und Infrastruktursektor.

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite vom BIM.Hamburg:

Zu BIM.Hamburg


Forschung und Entwicklung

Wirtschaftlichkeit von BIM: Vom Potenzial zur messbaren Wirkung

3 Fragen zum Forschungsprojekt WU BIM Planen & Bauen

BIM soll Planungs- und Bauprozesse effizienter machen, Fehler reduzieren und Kosten sparen. Doch wie groß ist der wirtschaftliche Nutzen tatsächlich? Im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr (BMV) untersuchen die RWTH Aachen und die DEGES erstmals systematisch in einem gemeinsamen Forschungsprojekt den Mehrwert der BIM-Methode. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse bestätigen: Der Einsatz der BIM-Methode rechnet sich. 

1. Welchen wirtschaftlichen Nutzen kann BIM im Bundesfernstraßenbau bringen?

Der Masterplan BIM Bundesfernstraßen geht davon aus, dass ein flächendeckender und vollständiger BIM-Einsatz Gesamtkosteneinsparungen von drei bis sechs Prozent ermöglichen kann. Bislang fehlten jedoch belastbare Ansätze, um diese Annahme unter den spezifischen Bedingungen des deutschen Straßenbaus systematisch zu überprüfen.

Genau hier setzt das Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Wirtschaftlichkeitsuntersuchung zur Anwendung der BIM-Methode in den Phasen Planen und Bauen im Infrastrukturbau“, kurz WU BIM Planen & Bauen, an. Ziel ist es, den Mehrwert der BIM-Anwendung im Bundesfernstraßenbau anhand objektiver Kennzahlen zu quantifizieren.

Die Ergebnisse des ersten Arbeitspakets bestätigen das angenommene Potenzial: Beim gezielten Einsatz von BIM sind im Durchschnitt Kosteneinsparungen von rund fünf Prozent möglich. Dem stehen vergleichsweise geringe BIM-spezifische Investitionen gegenüber. Für die Kostenbetrachtung wurde ein Wirtschaftlichkeitsfaktor von knapp 1:20 ermittelt. 

 

2. Wie wurde das Einsparpotenzial ermittelt?

Für die Untersuchung wertete das Institut für Baumanagement, Digitales Bauen und Robotik im Bauwesen der RWTH Aachen Daten aus historischen DEGES-Projekten aus. Ausgangspunkt waren rund 2.500 Datensätze aus den SAP-Systemen der DEGES. 

In einem mehrstufigen Auswahlprozess wurden daraus 28 Projekte identifiziert, für die die erforderlichen Informationen zu Kostenentwicklungen und deren Ursachen vollständig vorlagen. 

Anhand dieser Daten wurde rückblickend untersucht, welche Kostenabweichungen bei konventionell umgesetzten Projekten entstanden waren und wie sich der Einsatz von BIM darauf ausgewirkt hätte. Betrachtet wurden unter anderem Planungsänderungen, zusätzlicher Abstimmungsbedarf und Probleme an Schnittstellen. Der kennzahlenbasierte Ansatz ermöglicht dabei, Wirkungen quantitativ zu erfassen und Projekte miteinander zu vergleichen.

Die Untersuchung macht zugleich deutlich: Strukturierte und verlässliche Projektdaten sind eine zentrale Voraussetzung, um den wirtschaftlichen Nutzen digitaler Methoden belastbar nachzuweisen, Entwicklungen projektübergreifend zu vergleichen und die BIM-Anwendung gezielt zu steuern.

 

3. Wie soll die Wirksamkeit von BIM künftig gemessen werden?

Aufbauend auf dem Wirtschaftlichkeitsnachweis wird in Arbeitspaket 2 ein Kennzahlensystem entwickelt, das die inhaltlichen und prozessualen Aspekte der BIM-Anwendung strukturiert erfasst und eine objektive, nachvollziehbare Bewertung der BIM-Abwicklungsqualität ermöglicht.

In Arbeitspaket 3 wird dieses Kennzahlensystem in ausgewählten Pilotprojekten unter realen Bedingungen erprobt. Workshops, Rückmeldegespräche und die Auswertung der Erfahrungen der Projektbeteiligten sollen zeigen, wie praktikabel und aussagekräftig die Kennzahlen sind und wo Anpassungsbedarf besteht. So wird die Grundlage für eine laufende Erfolgskontrolle und die gezielte Weiterentwicklung der BIM-Anwendung geschaffen.

Arbeitspaket 1 des seit November 2022 laufenden Forschungsprojekts WU BIM Planen & Bauen wurde im Sommer 2026 abgeschlossen. In Arbeitspaket 2 wird ein Kennzahlensystem zur Bewertung der BIM-Abwicklungsqualität entwickelt; Arbeitspaket 3 erprobt und evaluiert dieses System anschließend in ausgewählten Pilotprojekten.

Zu den Projektpartnern:

Institut für Baumanagement, Digitales Bauen und Robotik im Bauwesen der RWTH Aachen

Digitales Planen und Bauen bei der DEGES

 


Im Gespräch

„Irgendwann sagen alle: Super, BIM – let’s do it.“

Gespräch mit Serdar Bilgin, Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg

Für Serdar Bilgin ist BIM nicht einfach eine Aufgabe auf seiner To-do-Liste. Der Projektleiter für die BIM-Implementierung beim Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg (LS) will das Thema voranbringen – mit viel Energie, pragmatischen Lösungen und einer klaren Vorstellung davon, was BIM im Arbeitsalltag leisten muss. Als Mit-Organisator des zweiten BIM-Praxisforums Brandenburg ging es ihm deshalb nicht um eine Leistungsschau, sondern um den Blick in den Maschinenraum: Was funktioniert schon, wo hakt es noch, und was braucht es, damit BIM vom Projektansatz zum selbstverständlichen Arbeitsmittel wird? 

Das Magazin (M): Herr Bilgin, BIM nimmt inzwischen einen großen Teil Ihrer Arbeit ein. War das so geplant?

Serdar Bilgin (SB): Nein, überhaupt nicht. Angefangen hat das vielleicht mit zehn oder 20 Prozent meiner Arbeitszeit. Inzwischen sind es eher 80 bis 90 Prozent. Das Thema ist immer größer geworden. Aber BIM lebt eben auch davon, dass man sich einbringt, die extra Meile geht und dafür brennt. Ich sage immer: Die BIM-Flamme existiert in mir – und die möchte ich auch nicht eindämmen. Mein Team und meine Führungskräfte unterstützen mich dabei, dass ich den Fokus weiter auf BIM setzen kann.

 

M: Was begeistert Sie an der BIM-Methode so sehr?

SB: Für mich ist BIM viel mehr als ein 3D-Modell. Es ist ein entscheidender Schritt in Richtung digitale Transformation. Wir schaffen damit strukturierte Daten, die wir später auch für den Digitalen Zwilling oder KI-Anwendungen brauchen. Gleichzeitig gibt es schon heute ganz praktische Vorteile: Wir können Planungsstände besser vergleichen, Modelle digital kommentieren, Freigaben in einer gemeinsamen Datenumgebung organisieren und viele Medienbrüche vermeiden. Statt Informationen über E-Mails, Austauschplattformen, Ausdrucke und Umlaufmappen zu verteilen, haben wir einen zentralen digitalen Projektraum.

 

M: Sie nennen BIM, den Digitalen Zwilling und KI in einem Atemzug … 

SB: Ja, denn für mich gehören diese Themen unmittelbar zusammen. BIM schafft strukturierte Daten und damit eine wichtige Grundlage für den Digitalen Zwilling und für künftige KI-Anwendungen. Deshalb bündeln wir aktuell beim LS diese Innovations- und Digitalisierungsthemen stärker und verbinden sie auch mit unserer Hochschulkooperation. Davon versprechen wir uns Synergien und eine stärkere Verbreitung des Wissens. Gerade unsere dual Studierenden können dabei wichtige Multiplikatoren sein. Junge Leute wollen digital arbeiten. Wir möchten sie deshalb für Innovations- und Digitalisierungsthemen begeistern – und sie zu „BIM-Motoren“ machen.

 

M: Ende September hat der Landesbetrieb das zweite BIM-Praxisforum Brandenburg ausgerichtet. Was war Ihnen dabei wichtig?

SB: Uns ging es ausdrücklich nicht um „Schaufenster-BIM“, sondern um den Blick in den Maschinenraum. Wir wollten ganz konkret wissen: Was passiert in den Projekten? Was funktioniert? Wo liegen die Schwierigkeiten? Und was können wir voneinander lernen? Viele Behörden stehen schließlich vor ähnlichen Herausforderungen. Da können wir von den Lösungsansätzen der anderen profitieren. 

Deshalb wollten wir auch keine Aneinanderreihung von Frontalvorträgen. Stattdessen gab es interaktive Formate, beispielsweise BIM-Speed-Dating zum gegenseitigen Kennenlernen, eine Keynote von Jens-Uwe Ambos, Autor beim buildingSMART-Verlag mit Erfahrungen aus dem Bereich Schieneninfrastruktur, und eine offene Fishbowl-Diskussion*. In einer Pitch-Runde hatten die Projektleiter oder BIM-Manager jeweils drei Minuten Zeit, ihre Projekte mit den wichtigsten Punkten darzustellen. Wer danach mehr wissen wollte, konnte bei einem Gallery Walk mit den Projektteams weiterdiskutieren. Dazu kamen Gruppenarbeiten zu den Themen Technik, Mensch, Prozesse, Wissen und Standards. Die Frage war immer: Wo drückt der Schuh, und was brauchen wir, damit wir bei BIM morgen durchstarten oder weiter skalieren können? 

 

M: Und wo genau drückt der Schuh?

SB: Sehr oft beim Menschen. Technik und Standards sind wichtig, aber die digitale Transformation funktioniert nicht, wenn wir die Kolleginnen und Kollegen nicht mitnehmen. Es gibt Enthusiasten und Pragmatiker, aber natürlich auch Skeptiker und Verweigerer. Bei den letzten beiden müssen wir verstehen: Was steckt eigentlich dahinter? Wird der Mehrwert noch nicht gesehen? Fehlt Wissen? Gibt es Unsicherheit gegenüber neuen Arbeitsweisen?

Deshalb wollen wir nicht nur zentral Konzepte entwickeln, sondern wollen die Kommunikation weiter verbessern. Wir bauen eine Wissensmanagementplattform auf und gehen mit unseren LS-Roadshows* „BIM on the Road“ direkt an die Dienstsitze unserer drei Regionalbereiche in ganz Brandenburg. Wir wollen dort mit den Kolleginnen und Kollegen sprechen, zuhören und verstehen, welche Hürden sie konkret erleben. Veränderungsbegleitung muss zielgruppengerecht gestaltet werden und sowohl Top-down- als auch Bottom-up-Ansätze berücksichtigen.

 

M: Sie sprechen viel von Skalierung. Wo steht der Landesbetrieb heute beim BIM Regelprozess? 

SB: Für mich bedeutet Regelprozess, dass es eine klare Strategie gibt, die festlegt, in welchen Projekten welche BIM-Anwendungsfälle eingesetzt werden. Dabei müssen wir unterschiedliche Maßnahmen wie Neubau, Ersatzneubau, Um- und Ausbau oder Erhaltung ebenso berücksichtigen wie unterschiedliche Projekttypen, etwa Brücken, Strecken, Radwege oder Ortsumfahrungen. Auf dieser Basis sollten die BIM-Anwendungsfälle dann priorisiert und anschließend als Mindeststandard umgesetzt werden. Diesen Regelprozess haben wir im LS noch nicht vollständig erreicht. Aber wir sind auf einem guten Weg und wollen ihn bis zum Jahr 2029 etablieren. Ein paar Hürden gilt es dabei allerdings noch zu überwinden. 

Praktisch sehen wir den Nutzen heute schon in konkreten Projekten. Bei den ersten 14 Brückensprint-Projekten setzen wir zum Beispiel auf die digitale Bestandserfassung und -modellierung. Damit schaffen wir eine gute Datengrundlage für die Planung des Überbaus und können vorhandene Bauteile wie Gründungen oder Unterbauten möglichst erhalten und weiterverwenden. Auch bei Variantenuntersuchungen für Ortsumfahrungen und bei der digitalen Kommunikation und Genehmigung in der CDE* zeigt sich bereits ein großer Mehrwert. Zeitnah setzen wir zudem das digitale Mängelmanagement auf der Baustelle am BIM-Modell um. Hier sehen wir großes Potenzial für mehr Effizienz und medienbruchfreies Arbeiten.

 

M: Was funktioniert inzwischen selbstverständlich – und wo müssen Sie noch ausprobieren?

SB: Selbstverständlich läuft bei uns inzwischen die Vorbereitung der BIM-Projekte. Dazu gehören die Erstellung der AIA* und Muster-BAP* sowie die Einrichtung der Projekträume in der CDE.

An anderen Stellen sind wir noch in der Erprobung. Wir schauen beispielsweise sehr genau, welche BIM-Anwendungsfälle uns den größten Mehrwert bringen, testen unterschiedliche CDE-Lösungen und wollen perspektivisch Tablets auf der Baustelle sowie verschiedene Lösungen für Modellprüfung und Modellierung erproben.

Dabei müssen die Lösungen auch unter den tatsächlichen Rahmenbedingungen funktionieren. Nicht überall ist die technische Ausstattung heute schon optimal auf BIM ausgerichtet. Umso wichtiger ist es zu zeigen, dass BIM auch unter nicht perfekten IT-Bedingungen funktionieren kann und einen konkreten Mehrwert bringt. Denn nur dann können wir die Methode Schritt für Schritt breiter in den Arbeitsalltag bringen.

 

M: Was würde aus Ihrer Sicht wirklich einen Schub bei der BIM-Implementierung auslösen?

SB: Ein großer Schritt wären standardisierte Grundlagen aus dem BIM-Portal, insbesondere Fachmodelle mit LOIN* und IDS-Prüfregeln*. Heute steckt noch viel Aufwand in der Vorbereitung eines BIM-Projekts und die Modellprüfung. Wenn wir dafür verlässliche Vorlagen und Datenstrukturen haben, können wir Projekte schneller aufsetzen und wesentlich besser skalieren. 

Der zweite „Game Changer“ wäre für mich die regelwerksbasierte Modellprüfung. Wenn ein Modell automatisiert auf Abweichungen oder Kollisionen mit technischen Regeln geprüft werden kann, entlastet das die Kolleginnen und Kollegen enorm. Damit können wir Prüfprozesse effizienter gestalten und zugleich Wissen in Regeln und Prüfmechanismen verfügbar machen. Gerade wenn erfahrene Mitarbeitende in den Ruhestand gehen, kann dies dazu beitragen, jüngere Beschäftigte zu unterstützen. Wenn BIM an diesem Punkt konkret Arbeit abnimmt, dann sagen irgendwann alle: „Super, BIM – let’s do it.“

 

M: Sie suchen selbst sehr aktiv den Austausch über BIM – im Praxisforum, in Netzwerken und auch über LinkedIn. Warum ist Ihnen das so wichtig?

SB: Weil wir nicht alle Lösungen selbst entwickeln müssen. Beispielsweise hat das BIM-Praxisforum gezeigt, wie groß das Interesse ist, BIM in Brandenburg gemeinsam voranzubringen. Der Austausch zwischen den Behörden und den Hochschulen war für uns sehr wertvoll. Kommunikation und Wissenstransfer sind aus meiner Sicht der Schlüssel – persönlich, auf Veranstaltungen, digital und auch in Social Media. Wer den Austausch sucht und über den eigenen Tellerrand schaut, bekommt Einblicke in neue Lösungsansätze, kann aus Erfahrungen lernen und erhält auch mal Impulse „out of the box“. Das bringt uns alle weiter.

 

M:Was würden Sie sich für die BIM-Community der Bundesfernstraßen wünschen?

SB: Ich erlebe den Austausch in der „Fachgruppe BIM – Netzwerktreffen der Länder“ als sehr wertvoll. Dort sprechen wir offen über Erfahrungen und aktuelle Herausforderungen und überlegen gemeinsam, welche Grundlagen der Bund zentral für alle Länder bereitstellen kann. Ich würde mir wünschen, dass Amtshilfe noch selbstverständlicher wird – zum Beispiel bei der Weitergabe von Vorlagen und Dokumenten im BIM-Umfeld. Diese Aufgeschlossenheit und der offene Umgang mit Wissen und Erfahrungen sind für mich selbstverständlich und entscheidend. Genau das wünsche ich mir für unsere BIM-Community.

 

M: Wenn wir uns in fünf Jahren noch einmal unterhalten: Was sollte sich bis dahin beim Einsatz von BIM verändert haben?

SB: Ich hoffe, dass wir BIM bis dahin deutlich breiter einsetzen und viele Prozesse, die heute noch manuell laufen, stärker automatisiert oder zumindest teilautomatisiert sind – zum Beispiel mithilfe von KI. Ein wichtiger Schritt wäre für mich auch die regelwerksbasierte Modellprüfung, weil sie die Prüfung von Modellen erheblich erleichtern kann. 

Vor allem aber wünsche ich mir, dass wir dann nicht mehr grundsätzlich über den Nutzen des digitalen Arbeitens mit BIM und CDE diskutieren müssen. Beides sollte im Projektalltag selbstverständlich sein.

 

M: Herr Bilgin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Abkürzungen und Glossar

AIA: Auftraggeber-Informationsanforderungen, dient als Leistungsbeschreibung für BIM

BAP: BIM-Abwicklungsplan, regelt die strukturierte und koordinierte Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten

CDE: Common Data Environment, ist die gemeinsame Datenumgebung für ein strukturiertes Datenmanagement und ermöglicht eine standardisierte Zusammenarbeit zwischen den Projektbeteiligten

Fishbowl-Methode: Interaktives Diskussionsformat, bei dem eine Gruppe von Fachleuten in einem Innenkreis diskutiert, während die übrigen Teilnehmenden im Außenkreis zuhören. Über einen freien Stuhl im Innenkreis können sie sich jederzeit aktiv in die Diskussion einbringen.

IDS-Prüfregeln, Information Delivery Specification: maschinenlesbarer und herstellerunabhängiger Standard von buildingSMART zur automatisierten Validierung von BIM-Modellen im offenen IFC-Format

LOIN, Level of Information Need: Informationsbedarfstiefe, legt fest, welche Art, Menge und Qualität von Informationen zu einem bestimmten Projektzeitpunkt für einen konkreten Zweck erforderlich sind und besteht aus geometrischen, alphanumerischen und dokumentarischen Informationen.

LS-Roadshow: Eine Roadshow ist eine Veranstaltungsreihe zur Vorstellung eines Produkts oder eines Themas an verschiedenen Standorten. Ziel ist es, die jeweiligen Zielgruppen direkt vor Ort zu erreichen, Informationen zu vermitteln und den persönlichen Austausch zu fördern. Mit der Roadshow „BIM on the Road“ bringt der Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg das Thema BIM direkt zu seinen Mitarbeitenden, informiert über Einsatzmöglichkeiten und wirbt für die Anwendung der Methode.

 

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Landesbetriebs:

Zum Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg